Quer durch die Welt.

Trauma

Traumatisiert sein heißt, dass man mit seinen Gedanken, auch den unbewussten, und seinen Gefühlen nicht immer bei der Sache ist. Traumatisiert sein heißt temporär dissoziativ sein. Menschen, die ein Trauma erlebt haben, sind nicht immer in der Lage Situationen nach „normalen“ Maßstäben einzuschätzen. Diesen Menschen fehlt Sicherheit und Kontinuität. 

Überall auf der Welt erleben Menschen Traumata und viele von ihnen sind damit allein. Viele entwickeln psychische Störungen, wie Depressionen, Schizophrenie, Angststörungen und vieles mehr. Menschen, die ein Trauma erleben, leben danach unter dauerndem Stress. Sie werden von sog. „Triggern“ zurück in die Situation versetzt, in der das Trauma passierte. Trigger sind Schlüsselreize, die letztlich überall im Alltag lauern können und die niemand kennt außer der Person, die sie in Stress versetzen. Alleine schon aus diesem Grund, ist es für betroffene wichtig, dass sie sich dieser Reize bewusst sind und dass sie darüber mit jemandem sprechen können. Trigger können Geräusche sein, aber auch bestimmte Situationen oder Worte und Berührungen. Den meisten sieht man die Traumatisierung nicht auf den ersten Blick an, weshalb es passieren kann, dass sich diese Menschen in einer Situation unwohl fühlen, obwohl für alle anderen kein ersichtlicher Grund dafür vorliegt. Im schlimmsten Fall sind die Traumatisierten allein, isoliert mit ihrem Trauma und den damit verbundenen Problemen.

Menschen mit psychischen Störungen werden gerne als „verrückt“ bezeichnet. Für mich ist der Begriff „verrückt“ nicht unbedingt ein völlig negativer, denn in erster Linie ist er eine Zustandsbeschreibung. Verrückt bedeutet abseits von einer angestammten, einer „normalen“ Position. Also auch im räumlichen Sinne verrückt. Auf meiner Reise wurde mir bei einem Gespräch über das „Verrücktsein“, das ich zum Teil auch für mich in Anspruch nehme, folgendes Beispiel gegeben:

Wenn ich einen Stuhl verrücke, ist er „verrückt“, aber er ist immer noch ein Stuhl.

Mir gefällt dieses Beispiel deshalb so gut, weil es die wichtigste Regel für den Umgang mit anderen Menschen allgemein deutlich macht. Egal, was wir glauben, was „normal“ oder „richtig“ ist, wir müssen unser Gegenüber immer als Menschen behandeln. Ist jemand „verrückt“ ist das zunächst einmal ein Problem, das derjenige selbst bewältigen muss, aber wir können unterstützen.

Jemand, der traumatisiert ist, muss selbst erkennen, dass er seine Position verlassen hat und muss selbst versuchen seinen Platz wiederzufinden. Die Wege, die Menschen nach einem Trauma gehen, sind immer unterschiedlich und nur diejenigen selbst können den Weg zurück finden. Das bedeutet aber nicht, dass sie deshalb immer allein sein müssen. Eigentlich bedeutet es genau das Gegenteil. Menschen, die von ihrer inneren, sicheren Position abgerückt sind, brauchen Hilfe. Ich habe hier schon oft geschrieben, dass es wichtig ist, dass wir in der Lage sind Hilfe zuzulassen. In den meisten Fällen heißt das aber auch, dass sich Dinge grundlegend verändern müssen. Viele Menschen haben ein Problem damit sich mitzuteilen oder über ihre Gefühle und Gedanken zu sprechen, aber genau damit beginnt die entscheidende Veränderung. Viele dieser Menschen ahnen kaum, dass mit Mitteilung auch Relativierung einhergeht. „Nichts wird so heiß gegessen, wie es gekocht wird.“ sagt man in Deutschland und es ist viel Wahres daran. Menschen mit traumatischen Erfahrungen kochen oft innerlich. Sie kochen einen Sud aus Ängsten, Sorgen, schlechten Erinnerungen, Wut und Verzweiflung. Diese Suppe können viele nicht allein auslöffeln. Manche Brauchen ein paar Gespräche mit Freunden, aber manche auch therapeutische Unterstützung.

Die Frage ist, wie verrückt bist du selbst?

Jeder von uns ist ein bisschen verrückt, denn „normal“ ist EIN Maßstab, aber auch ein ziemlich schlecht zu definierender Begriff.

Im Bezug auf das „Menschsein“ ist der Begriff normal geprägt von sehr vielen verschiedenen Faktoren. Ist ein Mensch physiologisch und psychisch gesund sollte man meinen, er würde als „normal“ bezeichnet werden, aber das ist sicher nirgendwo auf der Welt garantiert, denn unser Begriff von Normalität ist auch stark abhängig von Werten und Normen der jeweiligen Kultur. Diese Differenzierung ist deshalb wichtig, weil so auch der Begriff des verrückten etwas an Schärfe verliert. Wenn normal unterschiedlich ausgelegt wird, dann sicher auch verrückt. Die semantische Öffnung der beiden Begriffe ist mir deshalb so wichtig, weil Menschen, die traumatisiert sind, oft dazu neigen, das eigene Denken zu stark zu beschränken. Ihre Gedanken kreisen oft um bestimmte Themen und es gelingt ihnen nicht loszulassen. Menschen, die an einer PTBS (Posttraumatischen Belastungsstörung) leiden, suchen die Schuld oft bei sich selbst und je nach Art des Traumas und charakterlicher Konstitution können sie gnadenlos gegenüber sich selbst sein, was sie nur mehr in die Belastung führt. Diese Menschen müssen zunächst einmal lernen nachsichtig zu sein mit sich und anderen. Sie müssen bestimmte Dinge akzeptieren lernen und das braucht oft ein bisschen Zeit. Zeit ist in unserer deutschen Gesellschaft jedoch oft etwas, das völlig fehlt. Es braucht Zeit zu überdenken, zu verarbeiten, zu akzeptieren und sich anschließend weiterzuentwickeln. Noch ein Sprichwort fällt mir dazu ein: „Zeit heilt alle Wunden.“

Mir kommt in diesem Zusammenhang immer das Gedicht „Stufen“ von Hermann Hesse in den Sinn.

Leben heißt Bewegung und etwas verrücken bedeutet etwas ist in Bewegung. Verrücktsein bedeutet auch eine andere Perspektive auf das Leben bekommen. Es muss also nicht nur schlechtes darin Liegen eine Position verlassen zu haben. Oft beginnt das Neue erst, wenn wir das Alte hinter uns gelassen haben. Wir sollten heiter Raum um Raum durchschreiten schreibt Hesse in seinem Gedicht und das ist das entscheidende. Heiterkeit und innere Ruhe ist das, was wir wahrscheinlich alle anstreben und dafür müssen wir in der Lage sein loszulassen. Viele der Geflüchteten hat ihr Leben und das Feuer im Lager Moria vor einem Jahr noch lange nicht losgelassen.

Es kommt sehr auf die Situation und die Umstände an, wie Menschen sich verhalten, ob sie verrückt werden oder nicht.

Ich habe auf meiner Reise viele Menschen kennengelernt. Viele waren für mich „normal“, aber mindestens genauso viele habe ich auch als „verrückt“ wahrgenommen. Manchmal habe ich eine Person in dem einen Moment als normal und im anderen als verrückt empfunden. Je nach Stimmung, habe ich mich selbst mal normal und mal etwas verrückt gefühlt, besonders dann wenn ich wenig Wasser getrunken habe und viel Rad gefahren bin. Was es bedeutet Traumata zu verarbeiten wissen nicht alle, aber ich behaupte, dass ein Großteil aller Menschen genau weiß, was Traumatisierung bedeutet. Irgendwann im Leben erleben wir alle mal eine traumatische Erfahrung und es kommt dann vor allem auf unsere innere Konstitution, die Umstände und die Mitmenschen an, wie wir das verarbeiten. Allein und isoliert sein ist der schlechteste Weg das Trauma zu bewältigen, du musst dich irgendwann öffnen. 

Wer lächeln will muss ein freies Herz haben und um diese Freiheit müssen traumatisierte Menschen kämpfen, manchmal jeden Tag.

Wenn ich in den Medien oder in Kommentaren von AfD Leuten lese, das die Traumatisierung Geflüchteter relativiert wird, werde ich jedes Mal wütend, denn das ist ein großes Problem. Es ist wichtig, dass wir verstehen, dass Traumata etwas reales sind. Sie betreffen jeden von uns irgendwie und es gibt sie auch in unserer Gesellschaft zu Hauf. Bei uns sind es oft traumatische Erfahrungen aus der Kindheit, die uns ein Leben lang begleiten, weil wir nie darüber sprechen konnten, weil wir sie vielleicht als „normal“ empfunden haben. Sich über der eigenen Traumata bewusst werden ist der erste Schritt in Richtung Empathie. Ich schreibe jetzt bewusst nicht noch einmal über die schrecklichen Erlebnisse, die manche Geflüchtete erlebt haben, sondern appelliere mal an jeden Leser sich selbst darüber klar zu werden, was für euch Trauma bedeutet, was ihr erlebt habt und wie ihr es geschafft habt damit fertig zu werden. Ihr solltet darüber nachdenken, wie viel Kraft es kosten kann sich selbst zu erhalten und unter welchen Umständen das vielleicht gar nicht mehr möglich ist.

Diese Situationen, die scheinbar ausweglosen, die machen uns Menschen krank, egal woher wir kommen. Vielleicht wird so jetzt deutlicher, wie brutal es sein muss, wenn man traumatisiert ist und nirgendwo ankommen kann, man nirgendwo Hilfe bekommt und man keinen Ort der Ruhe findet, nirgendwo.

Meine nächste Spendenaktion in diesem Sinne, werde ich deshalb für das Therapiezentrum für Folteropfer der Caritas organisieren für das ich gearbeitet habe.

Bis dahin! Liebe Grüße…

Mo

1 Kommentar

  1. Ursula Zednicek

    Danke, Moritz.
    Tatsächlich sagen viele Therapeuten, die auf Lesbos sind und waren, dass die Traumata der Vergangenheit in den Herkunftsländern und die Flucht an sich sehr häufig weniger schwerwiegend sind, als die Traumata, die durch unsere europäische Art der „Gastfreundschaft“ – Mória, Kara Tepé u.v.a. – entstehen. Heute habe ich im Ariadne die Frauen gefragt, wie lange sie schon im Camp sind: 2-3 Jahre …

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