Die Franco Statue in Melilla, die man auf Grund von Kritik erst 2021 entfernte.

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Fangen wir mit der Beschreibung einer Szenerie an. Hunderte Menschen versuchen einen Grenzzaun zu überwinden, der mittlerweile vierreihig ist, mit Natodraht gesichert und etwa sechs, manchmal auch zehn Meter hoch. Die Menschen tragen Schuhe, an denen sie in mühsamer Kleinarbeit zuvor aus Holz und Müll Spikes befestigt haben, die ihnen das klettern erleichtern sollen. Sie kommen in einer großen Gruppe und haben sich eine Stelle des Zauns ausgesucht, die am überwindbarsten erschien. Sie stürmen los und erreichen den Zaun zu dutzenden, sie beginnen zu klettern, sie sind angespannt, voller Adrenalin und Hoffnung.

Sie wollen es unbedingt auf die andere Seite schaffen, weg von dem Wald, dem Müll und dem Zaun „La Valla“, der sie schon so lange gefangen hält in ihrem (nicht) Dasein an einer der Einzigen Festlandgrenzen zwischen Afrika und Europa auf Afrikanischem Boden, genauer in Marokko vor der Enklave Melilla. Die Menschen haben dunkle Haut und es sind keine Marokkaner, keine Europäer, es sind Staatenlose, Vertriebene, Geflüchtete. Oft allein und oft verarmt, weil man sie auf ihrem Weg bereits mehrfach ausgenommen hat. Man beraubt diese Menschen oft all ihrer Habe, bis hin zur Selbstbestimmung, bis hin zum eigenen Körper und damit verbunden auch der psychischen Gesundheit. Flucht ist keine Reise von A nach B. Flucht ist eine Fahrt aus dem Nichts ins ungewisse. Die Menschen gehen und den Rest entscheidet allein das Schicksal oder Gott und wer auch immer. Die Menschen in dieser Szene erklimmen den Zaun, manche stürzen, tief, sie verletzen sich. Erste Schüsse sind zu hören, Menschen laufen weg, Soldaten eilen herbei. Panik bricht aus. Die Szene eskaliert. Menschen fallen um und bleiben liegen. Man drängt sie in die Ecke, hält ihnen Gewehre vor die Nase. Sie atmen schwer, manche wimmern, manche können nur noch weinen. Der Ansturm ist vorüber und es wieder ruhig in der „Stadt der vier Kulturen“, die sich durch ihre kulturelle Vielfalt und Offenheit auszeichnet, die ein Erlebnis ist, für jeden Reisenden.

Ein guter Artikel dazu:

https://www.bpb.de/themen/migration-integration/laenderprofile/329241/wo-die-zaeune-immer-hoeher-werden-die-europaeische-aussengrenze-in-melilla/


Stolz ist man in Spanien auf die Gebiete in Afrika. Auf Melilla und Ceuta. So viel Espaniolidad, so spanisch geht es dort zu. Buddhisten, Hindus, Christen und Muslime, alle leben glücklich zusammen in dieser Stadt. Es ist keine Frage der Religion, keine Frage der Kommunikation, die Melilla und Ceuta quält und das ist erstaunlich, weil man Muslime in Europa normalerweise dämonisiert. Also muss etwas anderes sein. Die 87.000 Einwohner Melillas sind mittlerweile zwar an die Grenzanlagen gewöhnt, aber dennoch sind sie ja ein offensichtliches Zeichen dafür, dass es Probleme gibt. Probleme das sind die Geflüchteten aus der Subsahra Region und speziell Ost-Afrika, wo es für viele der Menschen in failed States, wie Somalia, einfach keine Zukunft geben kann, zumindest keine wünschenswerte, wenn man weiß, dass es auch anders gehen könnte.


In Melilla stand bis 2021 eine Franco statue, ziemlich groß, ziemlich prägnant. Dass ausgerechnet dieser Ort zum Fluchtpunkt verschiedener kulturell geprägter Menschen geworden ist, ist vielleicht Ironie der Geschichte. Es ist aber nicht zu leugnen, dass der Ansturm auf Melilla und Ceuta groß ist. Viele hundert campen in den Wäldern um die Städte unter schlimmsten Bedingungen. Für Frauen ist es dort gefährlich. Das sollte immer bedacht werden, wenn man sich über die hohe Zahl männlicher Flüchtlinge beschwert. Es gibt Orte auf der Welt, die unwirklicher sind als Bielefeld und gefährlicher, als der Dortmunder Hauptbahnhof im Dunkeln. Wir haben keine Vorstellung davon. Sie fehlt bei den meisten Europäern völlig. Ich habe kaum eine, aber ich bin mir als Krankenpfleger vielleicht bewusster, was der Sturz aus 6 Meter Höhe mit dem menschlichen Körper macht oder was ein Vergewaltigungsopfer im Anschluss alles ertragen muss. Ich habe Menschen mit solchen Schicksalen kennengelernt, vielfach und das macht etwas mit dir, wenn du nicht wegschaust. Was Spanien in der Kommunikation zu Melilla versucht ist genau das zu bewirken, ein Wegschauen. Denn wer sich auf die Schönheit konzentriert, auf das spanische in Melilla mit den „fremden“ Einflüssen, der kann, den Zaun ignorierend, dort eine wunderbare Zeit haben, da bin ich mir sicher. Ich liebe Spanien und bin immer gerne dort, aber Nationalismus und Framing mag ich nicht, weder in Spanien, noch bei uns in Deutschland.

Meine Frage ist deshalb, ist das Problem wirklich der Geflüchtete oder ist es nicht vielmehr das Unvermögen die Kraft und das Gute der hunderte oder tausende Menschen irgendwie in etwas positives umzuwandeln, es zu nutzen und ihnen zu helfen sich selbst zu helfen, ohne die Waffe im Anschlag zu haben? Kann man nicht eine Struktur schaffen, die diesen Menschen Chancen eröffnet? Es fängt schon damit an einfach die Lager besser zu überwachen, im Sinne der Rechte der Menschen und der Unterbringung. Ich weiß, dass ist eine große Aufgabe, aber um die anzugehen, müsste auch erstmal ein realistisches Bild der Szenerie vermittelt werden und nicht nur ein Feinbild kreiert. „Othering“ ist immer noch ein großes Problem, obwohl es wichtiger, als jemals ist, das wir auf Augenhöhe diskutieren und daran arbeiten, dass die Umweltzerstörung weniger wird und zwar möglichst zusammen. Dieser Gedanke muss uns grade in Kriegszeiten leiten. Große Feinde besiegt man nur gemeinsam, wenn man erkennt, dass alle anderen Unterschiede oft völlig belanglos sind und wir stehen als Menschheit vor so einigen Herausforderungen, die es zu bewältigen gilt und das geht nur durch Annäherung und vor allem durch eine kreative Veränderung der jetzigen Verhältnisse. Oft folgt auf die Waffen irgendwann der Fortschritt, vielleicht sollten wir daran endlich arbeiten. Es ist schon mal ein gutes Signal gewesen, dass Scholz früh in afrikanischen Staaten gewesen ist. Das muss in Zukunft öfter geschehen und danach darf nicht nur die Musikkapelle diffamiert werden, sondern es müsste mal inhaltlich positiv geredet und berichtet werden, nicht augenscheinlich, wie von der „Stadt der vier kulturen, die sich alle nicht besonders für das Schicksal der Menschen hinter dem 10 Meter Zaun interessieren“, wäre ehrlicher.